Landesweit / Mittwoch, 16.Juni.2010

Stell Dir vor, der Migrationsrat tagt, und keiner geht hin!

Der Migrationsrat Leverkusen tagte. Eine andere Darstellungsform als die Satire verbietet sich für diese Polit-Posse, die aber wohl kein Einzelfall in der Arbeit der sogenannten „Integrationsräte“ in Nordrhein-Westfalen darstellt, im Gegenteil.

Ungewöhnlich, dass nicht mehr Zuschauer anwesend waren. Man denkt an Brecht und fragt sich kritisch: Stell Dir vor, der Migrationsrat tagt, und keiner geht hin! Dabei könnte man für dieses Schauspiel des Integrationsrates in Leverkusen sogar Eintritt nehmen. Die vier Besucher, die fassungslos der surrealen Polit-Posse am Dienstag beiwohnten, konnten in der Sitzung reichhaltige Erfahrungswerte schöpfen. Dass die Protagonisten dieses Gremiums gerade erst auf Kosten der Stadt in der Volkshochschule in Sachen Kommunalpolitik weitergebildet wurden, vermochte man indes nicht einmal zu erahnen.
Das Ganze war eine eindrucksvolle Bestätigung für die Richtigkeit des Antrages von pro NRW im Rat der Stadt, die Sitzungen öffentlich per Livestream zu übertragen. Bessere Comedy kann man im Fernsehen auch nicht sehen. Anführer der Late-Afternoon-Show ist Serkan Kaygisiz. Die Artikulation seines Namens fällt einem deutschen Muttersprachler wahrscheinlich so schwer, wie dem ganz in grauen Zwirn mondän gewandeten Berufsmigranten das Sprechen der deutschen Sprache. Noch fremder allerdings scheint für Kaygisiz der Verlauf und die Form deutscher Sitzungen zu sein, was ihn beinahe sympathisch macht. Tagesordnungspunkte, Wahlen Einverständniserklärung, vorherige Feststellung der Beschlussfähigkeit: Vom Kaninchenzüchterverein bis hin in deutsche Kommunalparlamente überall die gleiche öde Spießerkultur. Insofern ist der Integrationsrat jedenfalls schon in dieser Bundesrepublik angekommen. Alle sitzen sie da, das heißt, nicht alle, denn der linke Oppositionsflügel von InterLev, der sich mit dem pro-NRW-Vertreter im Gremium, Markus Beisicht, offensichtlich nicht abfinden kann, fehlte ganz.

Inter-Lev streikt und schmollt!

Und wenn dieser nicht gewesen wäre, hätte das Ganze nur noch etwas von Kaffeekranz und Selbsterfahrungsgruppe gehabt. Nach der Bestellung von irgendwelchen Ausschussposten kommt die Runde richtig zur Sache. Eine „Resolution gegen die Verunglimpfung griechischer Mitbürger im Zusammenhang mit der europäischen Wirtschaftskrise“ will gefasst sein. Das ist ein Stichwort für die Altkommunisten, die in allen Gremien dieses Landes ähnlich aussehen. Hier trägt er den Namen Michael Boden. Er stellt den Typus Berufsrevolutionär dar, der noch nicht bemerkt hat, dass die Kommunen längst aufgelöst sind. Seitdem müssen sich solche Typen wie Boden mit ihrem Psychiater auf Kassenrezept unterhalten. Und neuerdings, seit den Wahlerfolgen der Linken, hört man sie auch wieder in solchen Gremien wie dem Integrationsrat reden. Ob ihnen wirklich jemand zuhört, ist eine andere Frage.

Boden, grauhaarig, zottelig, larmoyant („nach meinen fünf Bypassen kann ich gar nicht mehr beim Multi-Kulti-Fußballturnier mitspielen“), ist der lebende Beweis, dass die gutmenschliche Attitüde der Linken nur Tarnung für das deutsche Spießertum ist. Der Resolution wolle er nicht zustimmen, so seine erste Einschätzung. Sie sei grammatikalisch zu unzulänglich. Da wird der linke Verbalanarcho unversehens zum deutschen Sprachwächter. Um Inhalte ging es natürlich nicht. Denn diese Resolution hatte es wirklich in sich: „Der Integrationsrat verurteilt die Verunglimpfungen und Beschimpfungen unserer griechischen Mitbürgerinnen und Bürger durch die Boulevardpresse. Diese hat die Griechen als Faulenzer beschimpft und ihnen die Schuld an der aktuellen Wirtschaftskrise der Europäischen Union zugeschrieben. … Der Integrationsrat findet es ungerecht, welch schlechte Meinung man in den Medien über Griechenland verbreitet. … Die in Leverkusen lebenden griechischen Mitbürgerinnen und Bürger können aber erst recht nicht Schuld an dieser Entwicklung tragen. Auch deren Verwandte oder Freunde, die in Griechenland wohnen, fürchten um ihre Arbeitsplätze.“

Das ist eine ernsthafte Resolution eines kommunalen Gremiums in Deutschland. Und wurde so beschlossen. Mit der Stimme der Linken. Gegen die Stimme von pro NRW. Für die Bürgerbewegung fragte Markus Beisicht, welche Anhaltspunkte denn überhaupt dafür vorlägen, dass Griechen in der Stadt unter Druck geraten seien. Außerdem erlaubte sich Beisicht die Nachfrage, ob der deutsche Steuerzahler für die griechische Pleite überhaupt aufkommen solle. Schweigen, Übergehen. Der nächste Redner. Keine Antwort auf diese Frage. Dann nach mehreren Minuten, Serkan Kaygisiz hatte inzwischen völlig den Faden verloren und ließ sich und die Sitzung treiben, die unvermittelte Frage der FDP-Vertreterin Hiltrud Meier-Engelin. Die ehemalige Schulleiterin ist es schon von Berufswegen gewohnt, dass man auf Fragen antwortet. Und deshalb hakte sie auch hier etwas ungeduldig nach, warum denn die Frage von „diesem Herren“ nicht beantwortet worden sei. Dieser Herr sei immerhin von pro NRW, wurde die Liberale lautstark von ihrem Nachbarn aufgeklärt. Der heißt Albrecht Omanowsky, vertritt die CDU und auch äußerlich sichtbar den Zeitgeist.

"Störenfried" Markus Beisicht

Sein sich über einem pubertären Westerngürtel wölbender Bauch wogt, als er seine Nachbarin zur Linken fast anschreit. Omanowsky gestikuliert bedeutungsvoll mit den Armen. Dabei verrutscht ihm verräterisch sein jugendliches Gummiarmband in Schwarz-Rot-Gold. Man ist ja Patriot. Wenigstens während der WM. Markus Beisicht sei ein Unmensch und Unmenschen beantworte man keine Frage. Diese Logik verstand nicht nur die tapfere Liberale nicht. Irgendwann später erwähnt noch jemand, er habe gehört, dass sich griechische Kinder Witze hätten anhören müssen. Mehr nicht. Kein griechisches Restaurant muss schließen. Obwohl die Resolution noch gar nicht raus war.

Nach diesem kleinen unterhaltsamen Höhepunkt verliert sich die Sitzung in surreale Weitläufigkeit. Jeder sagt, was er schon immer mal sagen wollte. So schön kunterbunt und zusammenhanglos wie die schöne neue Multi-Kulti-Welt. Dass der Revoluzzer Boden nochmal zu Hochform aufläuft und zum offenen Rechtsbruch aufruft, geht am Ende unter, obwohl Markus Beisicht dies noch einmal deutlich anspricht und eine Distanzierung vom Gremium fordert. Boden missioniert, die Mitglieder des Integrationsrates mögen ihre Solidarität für rechtmäßig abgelehnte Asylbewerber zum Ausdruck bringen. Nun wird der CDU-Mann und Rechtsanwalt Omanowsky auch mal wieder wach. Diesmal äußert er sich aber zustimmend.

Das Schauspiel Integrationsrat hätte wahrlich mehr Zuschauer verdient. Ein Vertreter des Gremiums drohte gar: Man sei jetzt richtig arbeitsfähig und würde nun so richtig loslegen. Da darf man sich in der Zukunft auf tolle Themen freuen. Ein paar Vorschläge sollte man gleich in die Runde werfen. Wie wäre es etwa mit „Migrationsprobleme unter besonderer Berücksichtigung der Genderproblematik“ oder „Migrantentraumata als Folge politisch unkorrekter Witzekultur“. Der Möglichkeiten gibt es viele. Also, frisch voran.