Landesweit / Samstag, 20.März.2010

Das Abendland gehört allen?

Einige nötige Klarstellungen zu den Erklärungen der evangelischen Kirche gegen Pro-NRW

Die evangelischen Kirchen fühlten sich bemüßigt, im Rahmen des Pro-NRW-Wahlkampfes politische Verlautbarungen herauszugeben. Einzelne Pfarrer beklagten die politische Instrumentalisierung“ in der Anti-Islamisierungsdebatte durch die Pro-Bürgerbewegung. Man distanziere sich vom Slogan Abendland in Christenhand“. Das Abendland gehöre nicht einer bestimmten Religion, sondern allen, die darin wohnten“. Damit verabschiedet sich die evangelische Kirche einmal mehr von ihrem Selbstverständnis (ihr Gründungsvater Luther sprach sehr wohl vom Abendland und hätte es verteidigt) und wird endgültig zum religiösen Beliebigkeitsfaktor. Alle Christen sollten sich gegen diese Profanisierung ihres Glaubens durch 68er-Politpfarrer stellen. Dazu muss man noch nicht einmal Anhänger oder Sympathisant von Pro-NRW sein.

Vorweggenommen: Selbstverständlich gibt es in der Geschichte stets einen Wandel in den Kultur- und Siedlungsräumen. Völkerwanderungen, Vertreibungen, Kriege sorgten stets dafür, dass Kulturen und Völker kommen und gehen. Und selbstverständlich mag es so sein, dass das Christentum am Ende seiner Tage angekommen ist und durch den jungen und vor allem potenten Islam vertrieben wird. Dann müssten aber die Verlautbarungen der evangelischen Pfarrer anders aussehen. Es müsste dann nicht heißen, dass das Abendland allen gehöre, die darin wohnten. Vielmehr müssten die Kirchenmänner zugeben: Unsere Kirchen sind leer, das Evangelium findet kein Gehör mehr. Aus dem Abendland wird ein Morgenland.

Denn, Abendland ist mitnichten ein geografischer Begriff, sondern ein Wertesystem, das sich über Generationen entwickelt hat. Das Abendland umfasst Werte des antiken Griechenland und seinen philosophischen Erkenntnissen, dem germanischen Erbe, es umschließt die Errungenschaften des römischen Rechtes und wird aus den Wurzeln des Judentums und des Christentums gespeist. In der deutschen Romantik entwickelten Denker wie Novalis oder Schlegel eine Europakonzeption, die sich auf diese kulturellen Werte stützte und sich im Gegensatz zum islamischen Morgenland definierte.

Nach der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges, nach dem Leid, das der nationalsozialistische und der bolschewistische Terror versucht hatte, war der Begriff des Abendlandes für die frühe Bundesrepublik konstituierend. Weder wollte zum Beispiel die frühe CDU Konrad Adenauers in einen seelenlos, individualistischen Materialismus verfallen, noch sich wieder Bolschewismus oder Nationalsozialismus anschließen heute müsste man ergänzen: einem Islam, den der Historiker Ernst Nolte erst kürzlich in eine Reihe der übrigen Totalitarismen Bolschewismus und Nationalsozialismus gestellt hatte. In seiner ersten Regierungserklärung vom September 1949 bekannte sich Adenauer noch zum Geist christlich abendländischer Kultur“ als Fundament seiner Kanzlerschaft. Der spätere Bundespräsident Theodor Heuss erklärte in einer Rede an die Jugend“, das Wesen des Abendlandes ruhe auf drei Hügeln: der Akropolis, dem Kapitol und Golgatha.

Man müsste also den zentralen Gründergestalten der Bundesrepublik nach heutiger Lesart, die gleiche Instrumentalisierung des Glaubens unterstellen wie Pro-NRW heute. Die Schicksalsfrage nach dem Abendland scheint also gerade in ihrer Deutlichkeit richtig und zum rechten Zeitpunkt gestellt. Auf der einen Seite stehen die Altparteien, die Kirchen und die Gewerkschaften, die ganz offensichtlich keine Schwierigkeiten haben, dass die Werte des Abendlandes durch die des Islam ersetzt werden. Und auf der anderen Seite steht die Pro-Bürgerbewegung, für die die Erhaltung der Werte und den damit verbundenen Freiheitsrechten zentrales Anliegen ist.